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Praxis
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Nach heutigem Verständnis der "Ethno-Musiktherapie" begründet sich der therapeutische Effekt nicht mehr in einem von außen einwirkenden "kosmischen Ordnungsprinzip", sondern auf einer auch wissenschaftlich
darstellbaren Restrukturierung psycho- biologischer Ordnungsstrukturen. Diese Restrukturierung geschieht durch individuell bedeutungsvoll
erlebte musikalische Inhalte und Ausdrucksformen im Rahmen einer therapeutischen Beziehung.
Methodisch kommen hierfür der wechselseitige musikalische Dialog zwischen Patient und Therapeut, die
"regulationsmedizinische" Wirkung
einer vom Therapeuten live gespielten Musik sowie therapeutische Bewegungs- und Tanzübungen zur Anwendung.
Als übergeordnete Therapieziele lassen sich drei Grundanliegen formulieren:
1. das Ansinnen, dem Patienten im therapeutischen Prozess dabei zu unterstützen, ein stimmiges Zusammenspiel zwischen einem (nach außen gewandten
sozio-kulturellen) Entwurf gelingender Lebensgestaltung und innerer subjektiver Stimmigkeit (wieder)herzustellen.
In diesem Sinne ist "... Musik nicht einfach was sie ist; sie ist das, was sie dem Menschen bedeutet, was sie für ihn
tun kann. ... Die Beschäftigung mit Musik kann den Menschen zeigen, was sie miteinander verbindet." (Simon Rattle)
2. Eine Flexibilisierung und Ausballancierung vegetativer Rhythmen (Sympathikus und
(Parasympathikus) des Patienten, mittels musik-
bzw. bewegungsinduzierter Aktivierung bzw. Entspannung.
Studien (u.a. Tracy 2002) zeigten den Zusammenhang zwischen Stress(reduktion) und Selbstheilungskräften.
3. Die aus einer liebenden Haltung (im Sinne von "Agape" im Gegensatz zu "Eros") des Therapeuten entspringende glaubhafte Vermittlung mitmenschlicher
Anteilnahme am Schicksal und therapeutischen Weg des Patienten. Dies führt zur Erfahrung von Verbundenheit und Wertschätzung, die sich im
Vegetativum vielfach als Entspannung abbildet. Bisherige synchrone Messungen des Vegetativums von Patienten und Therapeuten während therapeutischer
Sitzungen (u.a. in der Intensivstation 13i2 im Wiener AKH) bestätigten diese
Studienergebnisse und zeigten darüber hinaus, dass
sich das Vegetativum von Patient und Therapeut im Falle einer gelingenden therapeutischen Begegnung zu synchronisieren beginnt.
Der jeweilige subjektiv positiv erlebte Zugang zur Musik hängt auch wesentlich von stimmigen äußeren Rahmenbedingungen ab:
Im Rahmen
klinischer Tätigkeiten im Akut- bzw. Rehabilitationsbereich konnten wir vielfach beobachten, dass Patienten und deren Angehörige zum musikalischen Angebot der
rezeptiven Ethno-Musiktherapie einen überaus positiven Bezug aufbauten, der nach der Entlassung aus dem Spital zunächst keine
Fortsetzung im privaten Bereich fand. Erst bei Wiederaufnahme gewann diese Art der Musik wieder an Bedeutung.
Somit scheint die positive Resonanz auf dieses Therapieangebot kontextgebunden zu sein.
In diesem Sinne dient Musik zur Rekreation des Gemüts, was nicht bloß Erholung meint, sondern eine Hinwendung zu seinem
Innersten. Auf dieser Grundlage schafft Musik eine natürliche Basis für die Wiederherstellung des "ganzen Menschen",
auch wenn er im medizinischen Sinne als "krank" oder "behindert" gilt.
Ein wichtiger Wirkaspekt der Ethno-Musiktherapie liegt unserer Ansicht nach darin, dass beim Erstkontakt durch
die Neu- & Andersartigkeit des Klangbildes (Instrumentarium, Musikstruktur) etwaige - durch Vorerfahrung - etablierte
(individuelle) Assoziationen zu bekannten Musikstilen vermieden werden. Dies schafft den Raum für den Aufbau neuer
Strukturen und Assoziationsketten.
Regulationsmedizinisches Denken und rezeptive Altorientalischen bzw. Ethno-Musiktherapie:
Methodisch wechseln einander im rezeptiven Therapieansatz komponierte Stücke (vergleichbar mit den s.g. Play-Songs in der
Nordoff-Robbins-Musiktherapie) mit rhythmisch improvisierten Passagen ab. Dabei ließen sich aktivierende bzw.
deaktivierende (sympathikotone / parasympathikotone) Wirkungen beobachten.
In einer klinischen EEG - Studie am Neurologischen Rehabilitationszentrum Meidling an Patienten nach schwerstem
Schädel-Hirn-Trauma ließ sich zeigen, dass dieser rezeptive Ansatz eine entspannende Wirkung (Reduktion von Spasmen)
bei gleichzeitiger Erhöhung von Vigilanz zu bewirken vermag (Murg,Tucek, et al., 2002; Tucek, et al., 2006).
Ähnliche relaxierende und anxiolytische Wirkungen ließen sich auch im Rahmen einer Studie bei 64 Patienten am
kardiologischen Rehabilitationszentrum Groß Gerungs erzielen (Tucek, 2005).
Eine klinische Studie im Rahmen der stationären Behandlung depressiver Episoden führte zu in ähnlichen
Ergebnissen. (Scharinger, 2006)
Bisheriges Fazit: Altorietalische bzw. Ethno-Musiktherapie scheint tatsächlich ein probates Mittel zu sein, um regulierend auf
psycho- biologische Abläufe einzuwirken.
Die Mitarbeiter des Instituts befassen sich gegenwärtig mit der weiterführenden Frage, ob neben regulierenden
(aktivierenden / deaktivierenden) Wirkungen auch differenziertere Organbeeinflussungen möglich sind.
Seit 1995 die ersten AbsolventInnen unsere Ausbildungsstätte verließen,
hat sich die Altorientalische bzw. Ethno-Musiktherapie in diversen Sozial- und Gesundheitseinrichtungen
vielfach etabliert und bewährt.
Gegenwärtige Einsatzbereiche nach Abschluss der Ausbildung:
- Intensivmedizin
- Psychosomatische Störungen (z.B. Herz - Kreislauf - Erkrankungen, onkologische Erkrankungen, etc.)
- Neurologische Erkrankungen (z.B. neurologische Rehabilitationszentren)
- Akutschmerzbehandlung
- Psychiatrische Krankheitsbilder (z.B. Depression, Angst- und Zwangsstörungen)
- Geriatrie
- Sonder- u. Heilpädagogik
- Kliniken mit Bedarf nach interkulturell ausgebildeten Therapeuten/innen
- Psychohygiene, etwa als stützende Maßnahme bei Persönlichkeitsentwicklung, Lebenssinnfindung und der Bewältigung von Lebenskrisen. (z.B. Burn - out Prophylaxe)
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